Ich hatte einen Menschen getötet.
Mit einer Schusswaffe, die ich jetzt in meiner Tasche bei mir trug; schwarz, kalt, Unheil ausströmend.
Es verwunderte sie, dass ihr niemand ihre Tat ansah. Als sie den baumumstandenen Schulhof des Elisengymnasiums überquerte und sich zusammenreißen musste, um nicht in einen Laufschritt zu verfallen, schien sie tatsächlich gar nicht aufzufallen. Niemand drehte sich in ihre Richtung, keine Finger wurden nach ihr ausgestreckt.
Die Schüler der Mittel- und Oberstufe standen in kleineren Grüppchen beisammen und diskutierten eifrig die sich gleich einem Lauffeuer verbreitenden Gerüchte über den Mord an Direktor Harrm, während die jüngeren Kinder unbekümmert Seilchen und Fangen spielten, so wie sie es jeden Tag taten.
So wie jeden Tag.
Sie schlug den Weg zum Parkplatz ein und bemühte sich um einen möglichst gleichgültigen Gesichtsausdruck, obwohl ihre innere Anspannung sie schier zu zerreißen schien. Sie würde ins Auto steigen und nach Hause fahren, den ganzen Dreck von sich abstreifen, unterwegs würde sie sich irgendwo an einer abgelegenen Stelle der Waffe entledigen und dann wäre alles wieder gut. Es gäbe keinerlei Anzeichen, dass sie es gewesen war. Mit der Zeit würde Gras über die Sache wachsen, und man würde vergessen. Sie würde vergessen.
Nein, ich kann nicht vergessen. Ich kann mich nur nicht mehr erinnern.
Ein Teil in mir weiß Bescheid über alles, was jemals in meinem Leben geschehen ist. Dieser Teil führt ein Eigenleben… Es handelt, aber Es lässt es mich nicht wissen. Es will nicht zulassen, dass ich es und seine Gedanken kenne… aber dieses eine Mal hat Es sich verraten. Oder hat Es mir mit Absicht gezeigt, was es angerichtet hat- ??
Ein leichter Schubs gegen ihre linke Schulter riss sie unvermittelt aus ihren Gedanken. Als sie aufblickte, sah sie sich ihrem Physiklehrer gegenüber. Ein großgewachsener, schlanker Mittvierziger, der bei den meisten ihrer Mitschülerinnen für genügend Gesprächsstoff sorgte. Ihr hingegen war er relativ egal, und so wollte sie nach einem obligatorischen Kopfnicken ihren Weg fortsetzen.
“Hey, wart mal bitte!”
Sie blieb stehen und wandte sich um, während sich ihr Magen umzustülpen schien.
Er weiß es, er weiß es, er weiß was ich getan habe-
“Komm doch noch mal bitte gerade mit zum Lehrerzimmer, ich habe da noch dein Klausurheft. Ist übrigens sehr schön ausgefallen, …”
Sie nahm nur noch undeutlich zur Kenntnis, was er weiter erzählte.
Lächeln, mit ihm Schritt halten, und ja nicht panisch wirken, das war es. Nur kurz zum Lehrerzimmer gehen, und dann konnte sie ja endlich wegfahren, versuchte sie sich zu beruhigen. Dennoch hatte sie ein flaues Gefühl, als sie sich wieder dem wuchtigen Schulgebäude näherten.
Auf der ihr gegenüberliegenden Seite des Schulhofs stand ein Polizeiwagen mit flackerndem Blaulicht; ein Uniformierter sperrte gerade den Eingang des Nebengebäudes mit rotweißem Plastikband ab. Zwei seiner Kollegen standen ans Auto gelehnt da und rauchten.
Hör auf, so darüber zu starren. Das muss ja verdächtig wirken!
Warum, verdammt nochmal, kommen sie nicht angerannt und verhaften mich?? Warum schauen die nicht einmal in meine Richtung???
Im Gang vor dem Lehrerzimmer war es angenehm kühl.
“Warte hier, ich suche dein Heft”, und sie lehnte sich gegen den starren Teil der Glastür, die hinaus auf den Schulhof führte. Das kalte Glas presste sich an ihre Wange und ihre Schläfe, wohltuend fest, verlässlich, beruhigend. Mit einem Mal stiegen ihr Tränen in die Augen, und ihre Sicht verschwamm.
Sie fühlte sich alt, so unendlich alt. Alle Kraft schien aus ihr zu weichen, und in ihrem Kopf hämmerte der eine Gedanke -
Was habe ich nur getan???
Ich habe sie alle verraten… alle. Alle, die mir etwas Gutes wollten. Sie haben sich für mich eingesetz tund wollten mir helfen… und ich – ich habe einfach so die Kontrolle über mich verloren und alles zunichte gemacht.
Schuldig.
Ich habe ein Verbrechen begangen. Ich habe einen Menschen getötet.
Getötet… getötet…
Sie schmeckte dieses Wort lautlos auf ihrer Zunge und auf ihren Lippen, und vor ihrem geistigen Auge stiegen wieder die Bilder der vergangenen halben Stunde auf, die sich so furchtbar in ihre Seele eingebrannt hatten.
Dieser etwas muffige, mit Teppichboden ausgelegte Klassenraum im Nebengebäude. Sie spürt die harte Kante eines Tischs an der Rückseite ihrer Oberschenkel, und es ist so stickig warm hier drinnen. Man kann nicht richtig atmen. Sie will das Fenster öffnen und macht einen Schritt nach vorne, auf einmal merkt sie, dass sie etwas in ihrer Rechten hält, blickt – und erstarrt. Eine schwarze Schusswaffe. Pistole?, Revolver? schießt es ihr blitzartig durch den Kopf, aber sie weiß es nicht, sie kennt sich mit soetwas nicht aus.
Wie zum Teufel kommt dieses Ding in meine Hand?! – Nein… NEIN!!! Sag, dass es nicht wahr ist!!! Sag, dass es nicht wieder passiert ist; sag, dass alles nur ein böser Traum ist!!!! NEEIIINNN…-
Auf dem Boden rechts neben dem Lehrerpult liegt ein Mann. Sein Gesicht und seine Brust sind blutverschmiert, sie kann gar keine Gesichtszüge mehr erkennen, überall ist Blut, eine Lache breitet sich schnell unter seinem Hals aus und färbt den korkbraunen Teppichboden dunkel, fast schwarz. Die Augen sind offen. Ein starrer Blick, ein leerer Blick – ein toter Blick.
Ihr wird schwindelig, und sie stützt sich auf dem Tisch ab. Schließt die Augen, zwingt sich, tief ein- und auszuatmen, aber als sie wieder aufblickt, liegt er immernoch da. Es ist kein böser Alptraum. Es ist die noch viel bösere Wirklichkeit.
Es ist wieder geschehen. Es hat agiert, Es hat meinen Körper benutzt und handeln lassen, und jetzt hat Es mich hier stehenlassen. Es hat getötet – ICH habe getötet. Wer ist das überhaupt? Ein Lehrer? Verdammt nochmal, warum hat Es ihn erschossen???
Es kostet sie viel Überwinden, noch einmal näherzutreten und die Leiche genauer zu betrachten. Die Grausigkeit des entstellten Gesichts registriert sie dabei nur als bloßes Faktum, sie ist wie betäubt, aber sie erkennt diesen Mann schließlich – dieser fette Wanst und die strähnigen, schwarzen Haare um eine Halbglatze herum – das ist Harrm, der Direktor.
Scheiße – Es hat ihn erschossen – ich habe ihn erschossen! -, sowas hört man doch – ich muss weg!!
Geistesgegenwärtig öffnet sie ihre Tasche, die an einem Riemen über ihrer Schulter hängt, und legt die Waffe mit zitternden, fahrigen Fingern hinein, schließt die Schnalle der Tasche und eilt zum Fenster, das zu einem kleinen, unkrautüberwucherten Garten hinter dem Gebäude führt.
Sie prüft, dass sie niemand sieht, klettert mit fast schon automatisch zu nennenden Bewegungen über das Sims und tritt dann in einem unbeobachteten Moment auf den Pausenhof hinaus.
Zum Auto.
Es verwundert sie, dass ihr niemand ihre Tat-
“Hallo Lisa!”
Sie zuckte zusammen und wischte sich hastig die Tränen aus dem Gesicht. “Eh… hallo, Frau Stegens…”
“Mädel, was ist denn mit dir los?? Du weinst ja…!”
Ehe sie sich versah, hatte ihre Deutschlehrerin sie in den Arm genommen und hielt sie fest.
Sie weiß es, sie weiß was ich getan habe, und jetzt hält sie mich fest, bis die Bullen kommen-
Dann konnte sie sich nicht mehr länger zusammenreißen. Sie weinte hemmungslos – heiße, auf der empfindlichen Haut an ihren Augen brennende Tränen, als die Flut ihrer Gefühle nun vollends über sie hineinbrach.
“Psshht.. es wird alles wieder gut…”
Nichts würde nie mehr gut werden. Sie hatte eine Tat begangen, die so schrecklich war, dass es nicht zu verzeihen war. Sie-
“Beruhige dich doch mal, Lisa….”
Sie wünschte sich so brennend, dass ihre Lehrerin Recht haben würde. Sie vertraute ihr, Frau Stegens hatte sich für sie engagiert, als sie aus der Psychiatrie wieder zurück in die Schule gekommen war.
Sie kannte vieles aus Lisas Vergangenheit, sie wusste von Lisas Dissoziationen und einmal hatte ihr Lisa auch stockend erzählt, dass sie missbraucht worden war. Von wem, das wusste Frau Stegens jedoch nicht.
Aus den Augenwinkeln sah sie, wie ihr Physiklehrer mit dem Heft in der Hand aus dem Lehrerzimmer trat und verwundert zu ihr und Frau Stegens blickte.
“Es ist bestimmt wegen Herrn Harrm… kein Wunder, so ein Geschehen nimmt die Schüler schon mit. Ich kümmere mich um Lisa; sagen Sie, um wieviel Uhr wollten die Polizisten nochmal die Besprechung im Lehrerzimmer machen?”
Sie hörte nur beiläufig der Unterhaltung der beiden zu. Es erschien ihr alles so nebensächlich… so egal… bedeutungslos. Sie fühlte sich unendlich müde.
Die Umgebung verschwamm vor ihren Augen, als Frau Stegens sie ins leere Konferenzzimmer führte und ihr einen Stuhl zurecht rückte.
“Ich komme gleich wieder, ich hole dir ein Glas Wasser”, hörte sie noch wie aus weiter Ferne die Stimme ihrer Lehrerin.
*
Als Frau Stegens ein Glas Mineralwasser balancierend die Tür zum Konferenzzimmer öffnete, erstarrte sie. Lisa lag mit dem Oberkörper auf dem Tisch, Blut sickerte aus ihrem Ohr und bildete bereits eine größere Pfütze neben dem Tischbein. Voller Entsetzen nahm die Lehrerin die schwarze Pistole wahr, die rechts neben Lisas Körper lag.
Es war offensichtlich, dass die Schülerin tot war.
Auf dem Tisch lag ein kleiner, anscheinend aus einem Heft herausgerissener Zettel.
Wie betäubt nahm ihn die Lehrerin zur Hand.
Mehrere Blutspritzer bedeckten ihn, aber die hastig geschriebenen Worte konnte sie trotzdem noch entziffern -
Liebe Frau Stegens,
Lisa kann nichts dafür.
Ich war es, die Harrms erschossen hat, denn ich weiß, was er vor sieben Jahren mit uns gemacht hat.
Lisa weiß es nicht – ich habe dafür gesorgt, dass sie sich nicht mehr erinnern kann, damit es ihr besser geht.
Aber ich habe nicht vergessen, und jetzt kam der Tag der Vergeltung.
Ich musste unseren Körper dazu benutzen, meine Tat zu begehen, aber Lisa ist unschuldig.
Vergeben Sie ihr.
gez. Marie,
die, von der Lisa nichts weiß














